"Die beste Bildung findet ein gescheiter Mensch auf Reisen"

Johann Wolfgang von Goethe

Mittwoch, 8. Februar 2012

"Eine Schifffahrt die ist lustig.." und Pantanal: Bericht

Ob wir nun vier Nächte in einem Puff mit Hostelbetrieb oder in einem Hostel mit Puffbetrieb verbracht hatten, wussten wir auch am Morgen unseres Verlassens noch nicht so genau. Aber da wir die vermeintlichen Vorzüge dieses Etablissements auch nicht genutzt hatten war es wohl nicht verwunderlich, dass die Damen nicht Spalier standen und uns mit Taschentüchern hinterher winkten als wir unser Gepäck auf die Pferdekutsche vor dem Busbahnhof gegenüber luden.

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Nach wackeligen 15 Minuten kamen wir am Schiffshafen an, wo schon Hochbetrieb herrschte. Waren aller Art wurden auf das Schiff geladen. Ich drängte mich durchs Getümmel um unsere Kabine klarzumachen.


Nachdem wir dort auch unser Hab und Gut verstaut hatten, legten wir uns erst mal in die Kojen. Als sich die Äuglein nach zwei Stunden wieder öffneten war das Schiff bereits auf vollen Touren unterwegs. Also raus aus der Kajüte und erst mal die Örtlichkeit erkunden Kleine Führung gefällig? Na dann folgt mir mal. Aber vorsichtig, gleich hinter unserer Kajütentüre haben sich Leute im Gang schlafen gelegt. Vorsichtig drücken wir die Türe auf, die Leute machen Platz. Links und rechts liegen eng beieinander Männer, Frauen und Familien samt ihrer Habseligkeiten. An den Deckenbalken in der Mitte des 1,50m breiten und etwa 8m langen Ganges sind Hängematten angebracht, in welchen ebenfalls wahlweise eine bis drei Personen „Platz“ finden. Behutsam bahnen wir uns den Weg durch die Menge, nach vorne gen Schiffsbug. Nach unserem Gang teilt es sich links und rechts. In der Mitte sind zwei Räumlichkeiten für die Mannschaft, in welcher diese eng auf eng liegen. Davor ist etwas erhöht die Steuerkabine. Links und rechts in den Gängen, des 1.Stockes in dem wir uns befinden sitzen noch mehr Leute auf den Bänken am Fenster. Hier ist der Raum in dem es sich klimatisch am besten aushalten lässt. Der Fahrtwind dringt durch die Fenster rein und kühlt die von 40 schwülen Grad gequälten Körper etwas. Wir steigen die Treppe zwischen den Mannschaftskabinen hinunter. Vorbei an Verkaufsfrauen, die Empanadas  (gefüllte Teigtaschen), Milanesas (wie paniertes Schnitzel), Getränke und Knabbereien anbieten, drücken wir uns den Gang vor zum Bug. Dieser hat eine etwa 10m lange Freifläche auf welcher sich Mobiliar, Motorräder, Matratzen, Lebensmittel, Saatgut, Tonnen, Kisten, Ziegen, Hühner und Menschen stapeln, die dort einen freien Platz im Schatten eines der Laken gefunden haben, welche hier und da, ab und an provisorisch zwischen zwei Halterungen aufgespannt werden. Da die Sonne runter brennt drücken wir uns wieder den Seitengang nach hinten durch. Auch im Inneren ist alles vollgestapelt. Hier mit Kartoffeln, Zwiebeln, Melonen, Südfrüchten, etc. Wo sich eine Nische bietet sitzen oder liegen Leute. Immer wieder müssen wir uns unter den Halterungen der zahlreichen Hängematten durchdrücken. Wir erreichen die Rückseite des Schiffs. Meine Worte an euch verhallen hier unter dem gleichmäßig tiefen Getöse des Dieselmotors welcher unter dem Deck platziert ist. Ganz hinten sind die vier Toiletten, welche sich Crew und Passagiere, zu Spitzenzeiten sicher 120 Leute, auf dem etwa 40x10m großen Schiff, teilen.

Dusche und Toilette

In ihnen ist es noch heißer und man hält während des Aufenthalts bereitwillig die Luft an. Die Toiletten sind gleichsam aber auch Duschen. Die Schläuche dort werden sowohl zum hinab spülen der Notdurft  als auch zum abduschen verwendet… Wir wenden uns wieder gen Bug und steigen die Treppen nach oben. Hier, vor unserem Kabinengang ist die Küche, welche drei Mal täglich für je 10 Guaranis (Umrechnung: 1€ = ca. 5,80Gua) Essen serviert. Drumherum um die Theke und den Treppenaufgang gibt es Sitzmöglichkeiten.

Sitz- oder Liegemöglichkeiten an Bord

Leider ist es hier auch sehr heiß, da kaum ein Lüftchen hier hinten durch die Fenster dringt. Doch ein paar Passagiere haben unser Leiden schon erkannt und reichen uns kalten „Tereré“. Hierbei handelt es sich um die kalte Version von Maté, bei welcher eisgekühltes Wasser in die Becher mit dem Mate-Jerba gekippt wird. Kurzfristig erfrischt bahnen wir uns wieder den Weg in unsere Kajüte. Vor diese hat sich gerade eine fünfköpfige Familie gelegt, welche uns fast bis zum Ende an Bord begleiten wird. Mutter und Vater sehen sehr verarmt aus. Die etwa fünf und sechs Jahre alten Mädchen kümmern sich mit um den kleinen Säugling, wenn die Mutter mal eine Pause braucht. Sie schlafen all die Nächte auf dem Boden, auf dem offenen Bug oder auch mal teilweise in einer Hängematte. Nach diesem Rundgang ist uns klar, dass wir selbst mit unseren 2x2m, auf die sich zwei Stockbetten in der Kajüte verteilen, noch die Könige an Bord sind. Denn durch einen kleinen, für uns sehr erschwinglichen, Aufpreis haben wir uns das Alleinnutzungsrecht der Kabine über die kommenden 4 Tage und 3 Nächte gesichert.
4 Tage und 3 Nächte können an Bord eines solchen Schiffes eine sehr lange Zeit sein. Das Schiff bahnte sich unbeirrt seinen Weg gen Norden auf dem Rio Paraguay. An nahezu allen möglichen und unmöglichen Stellen machten wir mehrfach täglich Halt, um Leute ein oder aussteigen zu lassen, Waren zu ent- oder zu beladen. An richtigen Anlegestellen oder einfach nur an einem steilen Erdwall, schleppten die dortigen Bewohner und Arbeiter des Schiffes die Waren von und an Bord. Nach der ersten Nacht hatte sich zumindest die Anzahl der Mitfahrer deutlich reduziert, was die Platznot an Bord etwas entspannte. Doch diese beengten Verhältnisse brachten einmal mehr auch die Gelassenheit dieses Menschenschlages zutage, welcher fast Klaglos ausharrt(e), egal ob Kind oder schwerbetagte Alte. Wer sich für die Nacht einen schönen Platz gesichert hatte konnte dann auch unter dem schönsten Sternenhimmel schlafen, den wir seit langer, langer Zeit gesehen hatten.
An dieser Stelle sei folgende Gemeinheit mal gestattet: „Was haben Tobi und Philip, sowie 50 Schiffspassagiere gemeinsam?“ Antwort: „Beide Gruppen haben zusammen die selbe Anzahl Zähne…“ :-D
Nach vier Tagen erreichten wir unser Ziel Bahia Negra, Nord-Paraguay und auf der Landkarte nur einen Steinwurf von Brasilien entfernt. Voller Tatendrang gingen wir gegen 14h von Bord. Den Beamten der Militär-Polizei, welcher gleich unsere Personalien überprüfte, amüsierte es sichtlich, dass wir hier in der Erwartung waren einen „Terminal de Buses“ vorzufinden. Ein Bus fährt tatsächlich ab von Bahia Negra. Aber erstens nur Dienstags und wir hatten Freitag und dann auch nur wieder zurück gen Süden. Nun war guter Rat teuer. Im wahrsten Sinne… Da wir aber mit Brian aus „Gringolandia“ (USA) einen fanden, welchen die Tatsache, dass ab Bahia Negra auch die Reiseführer ihre Infoleistungen beenden, ebenfalls nicht misstrauisch gemacht hatte, konnten wir gemeinsam eine Lösung erarbeiten.

Ab nach Bolivien.... Vamos a ir a  Bolivia
Wir fanden in einer Unterkunft einen Bootsbesitzer welcher uns mit selbigem etwa eineinhalb Stunden weiter gen Norden auf dem Rio Paraguay bringen konnte und dort am Militär-Checkpunkt von Bolivien einen Weitertransport organisierte. Bolivien wird sich der ein oder andere jetzt fragen? Ja, denn in diesen Teil ragt doch tatsächlich noch ein kleiner Zipfel von Bolivien zwischen Paraguay und Brasilien rein. Nachdem das Militär unsere Personalien auch hier aufgenommen hatte, traf auch der versprochene Transport ein. Über Stock und Stein ging es nun noch mal drei Stunden quer durch den Nationalpark. Wir noch immer nur mit unserem Ausreisestempel aus Paraguay für den Folgetag ausgestattet, mussten hier noch weitere drei Militär-Kontrollpunkte passieren. Dies war dank der einheimischen „Schleuser“ aber kein Problem. Bis zum Ende unserer Fahrt war die Nacht über dem 3-Länder-Eck hereingebrochen. Die Grenze nach Brasilien konnte zwar passiert werden, aber die Migrationseinrichtungen für die Formalitäten hatten bereits geschlossen. So verbrachten wir unverhofft noch mal eine Nacht in Bolivien. Zwar noch immer „illegal“ dafür aber im Hochgefühl der örtlichen Billigpreise! Der Abend endete bei spottbilliger Pizza und Geschichten aus dem Leben des Brian –als ob wir den Film nicht schon oft genug gesehen hätten…
Neuer Morgen und ab zur Grenze. Wieder einmal waren wir die Könige. Denn wenn schon „illegal“ dann doch richtig lautete wohl Brians Motto, denn er hatte noch nicht mal einen Ausreisestempel von Paraguay und wollte nun durch den bolivianischen Zipfel nach Brasilien rein. Während des Anstehens wurde die Situation gründlich mit einheimischen Mitarbeitern diverser Touristenveranstalter erörtert, welche in der Schlange Warteplätze besetzten und vergaben. Nach dieser verließ Brian kurzentschlossen unsere Reisegemeinschaft, um ohne Stempel nach Brasilien einzureisen. Als wir schließlich nach zwei Stunden dran hätten sein sollen, gesellten sich zu diversen Einzelwartern in der Schlange plötzlich vermeintliche Familienangehörige. Dies sorgte natürlich für Aufregung und Unmut bei den nachfolgenden. Ausgerechnet uns fragten die Grenzer dann auch noch welcher Bolivianer sich da nun vorgedrängt hatte und welcher nicht. Nachdem sich die Aufregung wieder gelegt hatte, kamen wir dann auch schneller als zu diesem Zeitpunkt erwartet dran.  Einer der Grenzer hatte unverhofft eine ganze bolivianische Sippe wütend in die Ecke verbannt, um uns einen Bruchteil später mit dem schönsten Sonntagslächeln, dass man an einem Samstag haben kann, an den Schalter zu winken. Ob unserer wilden Geschichte von einem paraguayischen Ausreisestempel an der bolivianisch-brasilianischen Grenze, Bootsfahrten auf dem Rio Paraguay und Schleuserfahrten durch den  Nationalpark, verwandelte sich sein Gesichtsausdruck zwar schnell in ratlose Gesichtszüge. Unser Verweis darauf, dass uns das alles die von ihm und seinem Kollegen „verhassten“ Bolivianer dadurch eingebrockt hatten, da sie vermeintlich zu uns meinten wir bräuchten keine bolivianischen Stempel, weckten wohl die Retterinstinkte, so dass wir nach mehrfachem Wiederholen unserer Geschichte und der Beschwörung, dass wir von Brasilien aus direkt diesen Kontinent verlassen, die erhofften Einreisestempel schließlich bekamen.
In Corumba fanden wir bald ein Hostel und trafen dort unverhofft auch wieder auf Brian. Er wollte nach dem Grenzübergang auf Nummer sicher gehen und wähnte ein Taxi als Transportmittel nach der Grenze sicherer als den Bus. Er zahlte mit seinen 45 Reales (1€= ca. 2,3 Reales) nicht nur den Transport seines örtlichen „Beraters“ mit, sondern auch noch knapp 40 Reales mehr als wir zusammen für die Busfahrt… Für den Folgetag kauften wir mal wieder die obligatorische Katze im Sack. Aber wer als Tourist das Pantanal sehen will, muss wie eben überall hier in Südamerika ein wenig das Risiko eines Fehlgriffes in Kauf nehmen, wenn er sich für eine Agentur entscheidet. Unser Reiseanbieter ließ uns am Folgetag von einem Taxifahrer abholen. Doch allein schon dies zwischen diesem, uns und dem Hotelrezeptionisten zu kommunizieren war mit den vorhandenen Sprachkenntnissen der vier beteiligten fast ein Unding. Ab nun war es vorbei mit dem spanischen. Lesen kann man das portugiesische  zwar, aber sie sprechend zu verstehen…
In jedem Fall gelangten wir heile an den gewünschten Zielort. Wobei die Fahrzeit im Bus genutzt wurde etwas in Sorge um Brian zu verfallen. Wurden bei Buseintritt doch sämtliche Pässe auf Einreisestempel kontrolliert. Wie es für ihn letztlich ausging wissen wir nicht, aber wir hoffen das Beste!
Für Sorge um Dritte war nun auch keine Zeit mehr. Denn der Zustand des Transporters, welcher uns zur Pantanal-Unterkunft bringen sollte, fokussierte uns wieder auf unser Heil. Nach dem die Regenzeit in diesem Gebiet schon sechs Wochen auf sich warten ließ, hatte sie sich ausgerechnet die Vortage ausgesucht um den Weg auch schön schlammig zu machen. Dies hielt unseren Fahrer aber ebenso wenig davon ab etwas langsamer zu fahren, wie auch der Umstand, dass er wegen des umher spritzenden Schlamms nur durch das Seitenfenster hinauslehnend nach vorne sehen konnte, oder man seine Reifen in Motorsportkreisen „Slicks“ nennen würde. Ein wenig ärmer an Nerven und leicht schlammbesudelt kamen wir in unserer Unterkunft an. Die drei Tage dort durften wir mit diversen Aktivitäten füllen.

"Ich fang mal`s Mittagessen für Euch!"
So angelten wir, knietief im Wasser stehend, nach Piranhas. Immer mit dem Gefühl, dass da doch irgendwas am Bein knabberte. Wir spürten bei Tages- und Nachtbootstouren eine unglaubliche Artenvielfalt von Vögeln, sowie Brüllaffen, Wasserschweinen, Kaimanen und einigen anderen Tieren auf. Besonders oft waren gerade die bis zu zweieinhalb Meter großen Kaimane zu sehen. Hatten wir diese bei Ankunft hier noch an der Spitze der örtlichen Hierarchie und somit Nahrungskette gewähnt, so wurden wir bald eines besseren belehrt. Mit dem Kaiman ist es eher wie mit diversen Kleinwagen (wahlweise gerne ältere VW Polos) deutscher Jungautofahrer, welche sich zwar optischer Gefährlichkeit durch tiefer legen, Spoiler und anderer nutzloser Gimmicks erfreuen, bei 45 PS an der Ampel dann aber doch eher die vermeintliche Stärke vermissen lassen. Auch der Kaiman weiß durch sein Äußeres zu beeindrucken, flieht aber vor fast allem und jedem, leidet unter chronischem Zwang nicht zu zubeißen, wird von Piranhas angeknabbert und vom örtlichen Riesenotter sogar gejagt und gefressen.



Tagesausflug
Neben allen gesichteten Tieren waren aber vor allem die „fliegenden Fische“ ein Highlight besonderer Art. Ganze Schwärme flogen hinter der Woge unseres Motorbootes durch die Luft oder sprangen gerne auch mal ins Boot. Allerdings nicht nur ein vermeintlich verirrter. Nein, gleiche eine ganze Anzahl von Fischen sprang uns ins Boot oder gleich auf den Schoß.

KLICKEN VIDEO FLIEGENDE FISCHE
Und wir Idioten hatten am Vortag die Angel verwendet…
Nach zwei Nächten und drei Tagen sagten wir auch dem Pantanal „Tschüss“ und verließen den Nordwesten Brasiliens gen Sao Paulo.