"Die beste Bildung findet ein gescheiter Mensch auf Reisen"

Johann Wolfgang von Goethe

Sonntag, 8. Januar 2012

Auf dem Mate-Pilgerweg: Von Montevideo nach Buenos Aires: BERICHT

Nachtbusse haben ja durchaus ihre Vorteile. Diese möchten mir aber partout nicht einfallen, wenn ich mal wieder nachts um 3h an irgendeiner Grenze aus dem Schlaf gerissen werde, um die Einreiseformalitäten zu erledigen. Der argentinische Grenzbeamte war mit den vier Durchschlägen, welche es  bei der Einreise aus Chile gegeben hatte, gleich in Gänze überfordert und so dauert es einige Rückfragen seinerseits bis die erforderlichen Stempel getätigt waren. Zum Glück hielt mich auch der uruguayische Einreise-Beamte nicht allzu lange auf, bis auf die übliche „Michelle Pfeiffer“-Anspielung auf meinen Nachnamen kam ich ganz gut weg. Doch die Tücken der Grenzkontrollen wollen auch immer, dass das ganze Gepäck anzuschleppen ist, ehe man in Reih und Glied sich einer Überprüfung unterziehen muss. Nachdem auch diese Hürde genommen war, konnte es endlich weitergehen und noch ein paar Ruheminuten erhascht werden.
Neues Land, neue Währung und damit eine neue Umrechnung. Die ständigen Wechselkurse überforderten uns gleich gemeinsam, so dass wir am nächsten Bankomaten den selben unsinnigen Betrag zogen, welcher zwar numerisch hoch erschien, aber kaum mehr als 10€ Wert in der Hand darstellte. Danach Hostel klargemacht und ab zur Erkundungstour in die Stadt. 

Also wenn JETZT keine weihnachtliche Stimmung aufkommt...
Machen wir es einmal kurz: Der Ausflug nach Monetvideo/ Uruguay bot wenig was in unsere glorreichen Analen einging. Die Stadt an sich in eine bunte Mischung aus vielen alten Fassaden, die leider meist sehr heruntergekommen sind und vielen hohen Häusern. Überall tropfen die zahlreichen Klimaanlagen an den Wänden auf die Straßen. Diese unfreiwillige Abkühlung ekelte uns auch mehr an, als dass wir sie genossen. Alles in allem ein kurzweiliger Stadtmix, wo es sich sicher auch gut wohnen lässt. Auffallend im sonstigen Stadtbild sind neben den Pferdegespannen, die sich hier ihren Weg vereinzelt im Stadtverkehr bahnen, besonders die überwältigende Anzahl von Leuten welche mit Thermoskanne unter dem Arm und Matebecher in der Hand auf den Gehwegen flanieren. Ein für uns, als Neu-Mate-Jünger, geradezu inspirierender Anblick. Vorbei an vielen Stadtbewohnern, die quer verteilt auf den Gehwegen oder auf Plätzen ihr Sonnenbad nehmen, bahnten wir uns die Tage außerdem auch noch den Weg zu unserem ersten Sonnenstrand-Ausflug. Erkenntnis des Tages: „Don´t fuck with the sun“! Denn rote Haut und viele sich abschälende Stellen waren das Ergebnis über weite Tage nach dem Sonnenbad hinaus… Nach einem außerdem verpatzten Besuch eines Fußballspiels (Warum auch wie auf der Vereinshomepage angegeben spielen?) ging es erneut mit dem Nachtbus zurück nach Argentinien, in die Haupstadt Buenos Aires. Wieder nachts geweckt, Formalitäten erledigt, „Michelle Pfeiffer“-Witz überstanden und ab in die große Stadt, welche wir nach beherzter Fahrt des Busfahrers bereits 1,5 Stunden zu früh (!) erreichten. Am Busbahnhof „Retiro“ gaben wir Rosa und Victor, unserer neuen Gastfamilie, Bescheid, dass wir gut angekommen waren. Wir verständigten uns darauf, dass wir vor dem Busbahnhof warten sollten bis sie uns mit dem Auto abholten. Leichter gesagt als getan… Denn, während in bald 4 Monaten Südamerika nur einmal (gleich zu Beginn in Quito/ Ecuador) versucht wurde Teile unseres Hab und Guts fremderseits zu ergattern, unternahmen diverse Angreifer diesen Versuch in 40 Minuten Wartezeit gleich drei mal! Erst legte man Tobi und mir vermeintlich verlorenes Geld nahe, dann wurde ich auch noch von einer vermeintlichen Taube angeschissen. Doch die Holzaugen waren zu früher Stunde bereits wachsam genug und von unseren Rucksäcken ließen wir uns nicht weglocken!
Bald darauf wurden wir herzlichst von Rosa und Victor begrüßt und bei ein paar Matebechern im Auto war das Eis schnell gebrochen. 

Die "große" Evita. Gleich zu Beginn gab es eine kleine Stadttour mit dem Auto.
Dass „Los Alemanes“ „loco por el futbol“ sind hatte sich schnell herumgesprochen und so fuhr Victor mit uns gleich noch zu der Stätte, die Tage später unser Ziel sein sollte: „La Bombonera“ (die Pralinenschachtel), wie die Fans der Boca Juniors ihr Stadion ehrfürchtig nennen. Und als glühender Boca-Anhänger hatte er uns auch gleich einiges zu erzählen. Im Anschluss ging es dann aber weiter nach Garin, wo wir nun  über eine Woche in der Provincia Buenos Aires (Umland der Hauptstadt) wohnen sollten. Garin liegt knappe 100 Minuten mit öffentlichen Verkehrsmitteln von der Innenstadt entfernt. Doch dank der wieder einmal überaus günstigen Verkehrsverbindungen (etwa 0,70€ einfacher Fahrpreis in die Stadt!) nahmen wir diesen Umstand gerne in Kauf. Die Gastfreundlichkeit und Rosas Kochkünste taten ihr übriges. Besonders Rosa tat fast alles dazu, dass man(n) sich wohl fühlt und die Re-Integration Zuhause  ein kleines bißchen schwerer werden wird. So war es uns ihrerseits nicht mal gestattet nach dem Essen die eigenen Teller abzutragen. Ist schließlich Aufgabe der Frau…. Wie alle Argentinier, so war auch unsere Gastfamilie sehr Kussfreudig. Zur Begrüßung und Verabschiedung küssen sich Weiblein, wie Männlein auf die Wange. Dieses Ritual erstreckt sich auf alles und jeden. Jede noch so flüchtige Bekanntschaft lässt keine Möglichkeit aus einen zu Knutschen. Der Kuss unter Männern war für uns zu Beginn noch gewöhnungsbedürftig, nach ein paar Tagen aber schon gewohnter Vorgang.
Samstagmorgen packten wir früh unsere Sachen, um dem öffentlichen Auftritt von „Cristina“ (Fernandez Kirchner), der Präsidentin des Landes, in der Innenstadt beizuwohnen. Nach dem Ausstieg aus der Subte (U-Bahn von Buenos Aires) bahnten wir uns unseren Weg durch die dicht gedrängten Massen. Die Landesfarben hellblau und weiß dominierten das Straßenbild. Leute tanzten, sprangen und sangen nahe der abgesperrten Straßen und der großen Übertragungsbildschirme herum. Gruppen mit selbst gebastelten Utensilien, großen Transparenten und vielerlei Musikinstrumenten erzeugten eine elektrisierende Atmosphäre! Jedes Staatsoberhaupt bei uns könnte sich über so einen Rückhalt mehr als glücklich schätzen! Als wir nah genug am Platz der Rede waren erhaschten wir dann auch noch einen Blick auf die vorbeifahrende Limousine, aus welcher Cristina dem jubelnden Volk eifrig zuwinkte.


Mit den Massen verließen auch wir die Innenstadt. Dank der Kundgebung waren heute alle Verkehrsmittel, bis auf die privatisierten Busse, kostenfrei nutzbar. Wie groß die Ausmaße von Buenas Aires Ciudad und Provincia wirklich sind, machte uns die folgende Zugfahrt nach „La Plata“ klar. Dem Zugplan zufolge waren es nur 15 Stationen. Da jedoch jegliche Zeitangabe fehlte, durften wir in der Praxis feststellen, dass wir für diese über 2 Stunden brauchen würden. Unser zweites Tagesziel war das Fußballspiel Gimnasio La Plata gegen Hurrican. Zwei Vereine aus Buenos Aires die im Vorjahr nach jahrelanger Zugehörigkeit aus der 1.Liga abgestiegen waren. Da erst zweieinhalb Wochen vor Saisonende noch mal die letzten 3 Spieltage der 1.Liga terminlich umgeschmissen wurden und innerhalb von 10 Tagen statt, wie ursprünglich angesetzt, 3 Wochen ausgespielt wurden, blieb uns heuer nur diese Partie. Doch unseren Besuch sollten wir noch bereuen! Mit etwa 20minütiger Verspätung kamen wir per Taxi am Stadion an und reihten uns in die Warteschlangen vor den Kassenhäuschen ein. Nach weiteren 10 Minuten war unser persönliches  „Cordoba-Trauma“ (keine Eintrittskarten) auch überwunden und wir im gut gefüllten Stadion. Wie schon in vorangegangenen Partien in Südamerika konnten wir auch hier wieder sehen, dass die Schiedsrichter mit einem sich wieder auflösenden Spray weiße Markierungen dort auf den Rasen setzen, wo der Ball beim Freistoß zu liegen hat oder die Mauer beim Freistoß zu stehen hat. So entfällt auch das lästige Getrickse bei diesen Vorgängen! Der Unterhaltungswert des Spiels stieg in Halbzeit 2 nach gesamt gespielten 80 Minuten dann fast minütlich an. Kurz vor Schluss egalisierte Hurrican die 1:0-Führung der Heimmannschaft. „Mir doch egal!“ dachte sich da wohl der Trainer von Gimnasio, wechselte den bis dato besten Mann aus und brachte die Nummer 18, welche keine 20 Sekunden nach seiner Einwechslung goldrichtig stand und den vielumjubelten Siegtreffer schoss! Hurrican nun natürlich noch mal bemüht, bis der Ball vor den Trainerbänken ins Aus kullerte und in ein Ersatzspieler von Gimnasio diesen gekonnt aus dem Stadion drosch. Hurrican hatte hierfür ebenfalls Experten im Team. Diese stellten den Täter nicht nur, um ihn, wie in Deutschland zu schupsen und beschimpfen. Nein, sie prügelten gleich munter auf ihn ein. 

Na dann mal los...
Innerhalb von Sekunden strömten nun auf dem Platz etwa 50 Menschen aufeinander los. In der bunten Massenkeilerei mischten Spieler, Trainer, Funktionäre, Schiedsrichter und die Polizei samt Knüppel und Schildern mit. Einzig auf die Ränge sprang der Gewalt-Funken nicht über. Während überall sonst vor Wut schäumende Zuschauer nun auf den Zäunen hängen würden, animierte die Boxerei das Publikum nur noch mehr dazu Stimmung machen. Und während die Ordungskräfte das Spektakel nach und nach wieder in den Griff bekamen hüpften und sangen knapp 20.000 Zuschauer auf den Rängen drum herum. Schlussendlich musste nur ein Spieler –wohlgemerkt der Gastmannschaft- für das Spektakel das Feld mit Rot verlassen. Seine Einsicht war nicht die Größte und so musste auch er von der Polizei vom Feld geführt werden. Durch die ganzen Unterbrechungen waren wir letztlich doch noch über 70 Minuten im Stadion und hatten einen riesen Spaß! Nach dem Spiel lernten wir noch, dass es in Argentinien allerorts üblich ist, dass die Gästefans zuerst aus dem Stadion geleitet werden. Erst danach öffnen sich die Stadiontore für die anderen Zuschauer.
Am Folgetag stand Fußballpartie Nummer 2 von 3 auf dem Tagesplan. Das „La Bombonera“, die Oper des südamerikanische Fußballs und Heimstätte des argentinischen Rekordmeisters Boca Juniors, war unser ausgemachtes Ziel. Bereits 4 Stunden vor dem Spiel erreichten wir den Ort des Geschehens. Eine Tageskasse gab es mal wieder nicht, dafür bereits die ersten Schwarzmarktverkäufer. Da die angebotenen Tickets aber eher wie Parktickets aussahen, waren wir sehr skeptisch. Mit leerem Magen macht man auch keine Geschäfte und so aßen wir im Stadionnahen Imbiss erst mal einen Happen. Ein älterer Herr hatte uns freundlich die noch freien Tische im hinteren Eck gezeigt und Tobi meinte noch: „Wie ich das hier alles wieder einschätze verhilft uns der Alte auch noch ins Stadion…“. Diese Aussage bewahrheitete sich schneller als wir dachten. Nachdem wir uns beim Imbissbesitzer wegen Karten erkundigt hatten, verwies er uns an einen Dicken und eben jenen Alten. Die beiden boten uns an, uns ins Stadion zu schleusen. Zahlen müssten wir erst nach Einlass. Auf den Preis hatte man sich schnell verständigt und bereits eine Stunde später machten wir uns mit weiteren Schleuswilligen auf zum Eingang. Doch so sehr auch gefunkt wurde, die benötigte Kontaktperson war noch nicht vor Ort und so traten wir auf Drängen der Polizei erst mal den Rückweg an. Wer nämlich kein Ticket hatte musste die drei  Sicherheitsringe um das Stadion verlassen. Ein Wiedereintritt, auch mit allen denkbaren Tricks, scheiterte erst mal. Etwa eine Stunde vor Spielbeginn war die Kontaktperson nun an Ort und Stelle. Hierbei handelte es sich doch tatsächlich um einen der Chef-Securitys, welcher sich hier noch einen kleinen Nebenverdienst gönnt. In seinem Schlepptau durften wir ungefragt alle Kontrollen passieren. Er zog am Drehkreuz noch für jeden seine Karte drüber und drin waren wir. Nach dem Vorspiel der 2.Mannschaften kam das Meisterteam von Boca bereits vor der Partie auf den Rasen um unter dem Jubel der Massen eine Ehrenrunde zu laufen. Feuerwerk von der Haupttribüne und laute Gesänge rundeten das Ganze ab. Fußball wurde dann auch noch gespielt. Doch der Partie fehlte es leider etwas an Wettbewerbscharakter. Boca musste nicht mehr und All Boys konnte nicht mehr. Auch das Publikum schenkte dem Treiben auf dem Rasen nicht die Aufmerksamkeit, wie wenn es hier noch um wichtige Punkte gegangen wären. 

Wir hatten es geschafft, wir waren im Stadion!
Nichts destotrotz waren die Eindrücke mitunter schon beeindruckend und die ein oder andere Gänsehaut überfiel ein beim Gesang des ganzen Stadions! Schließlich fiel doch noch der 1:0 Siegtreffer für Boca und die Feierlaune der Anhänger stieg noch mal bis zum Abpfiff an. Im Anschluss gab es die offizielle Übergabe des Meisterpokals, nochmals Feuerwerk mit viel Party auf dem Platz und auf den Rängen. 



Zu später Stunde verließen wir schließlich das Stadion. An der Bushaltestelle sollten wir noch eine Überraschung  erleben. Wir stellten uns wie gewöhnlich in die Warteschlangen. Und Prepaid-Kärtchen für das Busticket hatten wir bereit. Der erwartete Bus bog schließlich ums Eck und die Leute verteilten sich zum Einstieg schnell auf die jeweiligen Türen. Der Busbetreiber hatte das wohl erwartet. Und um Schwarzfahrer zu vermeiden stiegen aus den Bustüren Sicherheitskräfte, die den Knüppel bereits schlagbereit in der Hand hielten. Wer muckte konnte sich gerne von ihrer Einsatzbereitschaft überzeugen. Der Rest durfte Tickets bar bei den Schaffern kaufen, die aus den Fenstern hinauslehnten. In die folgenden Busse wurde man dann „höflichst“ durch das Sicherheitspersonal geleitet.
Nächster Tag, letztes Spiel: Interpendiente gegen den Nachbarclub von Garin, Tigre war angesagt. Wir hatten den Westteil der Stadt vor dem Spiel per Fuß auf uns genommen. Dies klingt auch leichter als es in Wahrheit ist. Denn der Straßenverkehr in Buenos Aires hat viele Tücken. Wer bei grüner Ampel die Straße überquert muss auch hier stets mit einem rücksichtslos passierenden Auto rechnen. Überquerungen ohne Ampeln gleichen einer Torerodarbietung. Man muss schauen, dass man sein Hinterteil gerade noch vor den herannahenden Fahrzeugen sichert. Den hiesigen Stadtverkehr dominieren in jedem Fall die privatisierten Busse, welche sich rücksichtslos ihre Wege bahnen. Diese Hierarchie wird aber auch kaum angezweifelt. Autofahrer machen hier fast bereitwillig Platz. Und falls nicht, so sind für die Busfahrer auch kleinste Streckenabschnitte, an deren Enden auch gern Hindernisse (beispielsweise haltende Taxen) stehen, lang genug um ein halsbrecherisches Überholmanöver einzuleiten. Diese Expressfahrten kosten in der Regel mehr Nerven als Geld. Denn für umgerechnet 30-40Cent kann man hier Wegstrecken von bis zu 2 Stunden und mehr  zurücklegen. Es empfiehlt sich allerdings einen guten Platz oder Stand zu erhaschen, denn die Fahrer kennen nur zwei Fahrmodi: Vollgas und Vollbremsung. Mein Gott, was werde ich lachen, wenn in Stuttgart sich mal wieder einer über den Fahrstil unserer SSB-Fahrer beschwert. Da es auch keinen regulären Fahrplan gibt kommen die Busse meist recht beliebig. So ist es nicht ungewöhnlich, dass  nach längerer Wartezeit plötzlich zwei  der selben Linie nebeneinander eintreffen und weitere gleich folgen und sich überholen. Doch der Tücken nicht genug: Die richtige Nummer heißt noch lange nicht das richtige Ziel. Denn die Busse fahren meist trotz selber Nummer in mehr als nur zwei Richtungen. Über den Verkehr in Argentinien könnten wir eine ganze Sonderausgabe schreiben. Wie z.B. auch darüber, dass natürlich Helmpflicht im Lande herrscht und hohe Bußgelder dafür im Raume stehen. Dies ignorieren aber 90% der Motorradfahrer gekonnt. Entweder tragen sie überhaupt keinen Helm oder sie haben ihn am Arm oder manchmal gar nur über die Stirn gezogen… Selbst die Polizei kann man oft genug ohne dieses Schutzutensil sehen!  Wer nicht gerne Bus oder Motorrad fährt, dem bleibt natürlich noch das Auto. Und die hiesige Regel lautet: So lange es fährt wird es auch gefahren.
Ähm ja, es diente als Transportmittel und war somit noch fahrtauglich!!

Egal wie alt, in welchem Zustand oder wie viel Mann es bedarf es zu starten. So entdeckt man in Argentiniens Straßenverkehr viele fast vergessene Klassiker wieder. Besonders großer Beliebtheit erfreut sich vor allem der Ford Taunus. Dass die letzte Modellreihe weit zurück in den 80ern vom Band gerollt sein dürfte ist hier an der Anzahl nicht erkennbar. Letztlich sei zum Verkehr abschließenden noch erzählt, dass es auch auf Autobahnen ganz anders zugeht als bei uns. Allein Schilder zu sehen und zu erkennen fällt schon schwer, da dich die Werbeflächen am Straßenrand geradezu türmen an manchen Stellen. Und selbst wenn Schilder Vorgaben machen, so sind diese subjektiv interpretierbar. Dies gilt neben der Geschwindigkeit vor allem für die Überholvorgänge. Auch wenn diese nur links gestattet sind, wird hier wirklich überall überholt. Auf sechsspurigen Streckenabschnitten mündet das schon in sehr abenteuerlichen Vorgängen die sich da links, rechts, vor oder hinter dir abspielen.
Aber zurück von der „Autopista“ zu uns. Da wir genau darunter liefen, auch kein schwerer Übergang… :-p  Wir hatten uns durch die Westviertel bis in die Nähe des Stadions von Interpendiente gekämpft. An einer Kreuzung erspähten wir das vermeintliche Ziel des Tages. Jedoch waren plötzlich keine Menschen in Trikots, etc. mehr zu sehen, als wir vor dem großen Rund standen. Des Rätsels Lösung. Nur einen Steinwurf vom Interpentiente-Stadion entfernt liegt die Heimstätte des Racing-Clubs. Zwei Stadion mit jeweils knapp 50.000Mann Fassungsvermögen trennen keine 200 Meter! Nachdem wir den Irrtum erkannt hatten, kauften wir uns ein paar günstige Tickets und betraten alsbald die Sportstätte. Wie schon bei Boca, so sind diese Vereine oft mehr als nur Sportvereine. Hier wird Mitgliedern auch die sonstige Freizeitgestaltung in Form eines Vereinseigenen Schwimmbades neben dem Stadion, versüßt. Das Stadion an sich befindet sich noch im Bau und war zum letzten Saisonspiel auch nur etwa zur Hälfte gefüllt. In einem mäßigen Spiel siegte die Heimmannschaft am Ende äußerst glücklich gegen die starken Gäste, die die Niederlage ihrem Torhüter verdankten. Da die Gäste aber längere Zeit führten und das Spielgeschehen bestimmten, zeigte sich vor allem der Heimanhang lange Zeit sehr unzufrieden, was sich einer unzählbaren Anhäufung der Beschimpfungen: „Hijo de puta“ und „Concha tu madre“ ausdrückte. Diese gingen Männern, wie Frauen über die Lippen und auch kleine Kinder neben ihren Müttern wiesen die Spieler gerne darauf hin, dass sie nicht nur Hurensöhne seien, sondern statt Fußball zu spielen doch lieber die eigenen Mutter oder wahlweise auch Schwester ficken sollten…

An manchen Tagen war es SO HEIß, da mussten wir die ganze Zeit im Pool mit kühlen Nassgetränken verbringen..
In den kommenden Tagen legte ich nicht nur meine zweite Studienprüfung erfolgreich ab. Wir genossen auch weiter die Gastfreundschaft von Rosa, Victor und Celeste und sammelten viele Eindrücke in der großen Stadt Buenos Aires. Diese alsbald auch zu viert, da uns Gabi und Sascha über die Feiertage besuchen kamen.

Freitag, 6. Januar 2012

Auf dem Mate-Pilgerweg: Von Montevideo nach Buenos Aires: BILDER

Der alte Kopfbahnhof in Montevideo -bröckelt ausrangiert vor sich hin...

Montevideo

Montevideo: Finde den Fehler  ;-)

Montevideo: Stadt-Strand

Buenos Aires "Congreso"

Buenos Aires: "Cristina" kommt gleich im Auto angefahren!

Buenos Aires: Auf Hauswänden in La Boca allgegewärtig: "El Diego"

Buenos Aires: 51. Meisterfeier bei den Boca Juniors

Buenos Aires

Buenos Aires: Stadion von Interpendiente

Buenos Aires: Tangotänzer findet man auf den Straßen und Plätzen

Buenos Aires: Stadtteil La Boca

Buenos Aires

Dienstag, 13. Dezember 2011

Argentinien: Mendoza und Cordoba: BERICHT


Mendoza war nun also unsere erste Stadt in Argentinien. Die „los Andes“ noch im Blickfeld und doch hinter uns gelassen; endlich. Nachdem wir eingecheckt hatten machten wir uns auf die Suche nach einem bezahlbaren Restaurant. Doch alles, selbst die Fast-Food-Ketten, waren teuer. Irgendwann bemerkten dann auch wir, dass wir mit einem falschen Wechselkurs gerechnet hatten. Doch alles bezahlbar! Am nächsten Tag buchten wir für Mittwoch dann unsere Silberminen- und Quadtour und machten unsere Weiterfahrt nach Cordoba fix. Heute war Feiertag, somit war auf den Straßen Mendozas nicht viel los. Es ist eine schöne überschaubare Stadt, aber sie war eben nur „Zwischenstation“ und dass war auch gut so. Am Abend gingen wir die Straße „Villanueva“ auf und ab. Hier reihen sich die Cafès und Bars aneinander. Für mich war es nun an der Zeit meinen ersten Steakpunkt zu machen, JAWOHL! Am nächsten Tag starten wir um 9:15 Uhr und zur Verwunderung nur zu zweit. Hatten wir am Vortag doch erst am Abend zuvor erfahren dass die Tour auch wirklich stattfindet da sich nochmals zwei Personen angemeldet hatten und somit die erforderliche Zahl von 4 zustande kam. So saßen wir also mit unserem Privatchauffier im Auto zur Silbermine. Nach knapp 2 stündiger Fahrt erreichten wir diese. Wir bekamen unsere Ausrüstung und fuhren mit zwei Guides weiter zur Mine. Es war eine vorrübergehend stillgelegte Silbermine. Sie war im Vergleich zur Mine in Bolivien ziemlich geräumig, nur beim abseilen; es dürften knapp 45 Höhenmeter gewesen sein, war es ein kleinwenig eng. Nachdem wir unsere Ausrüstung abgelegt hatten, standen die Quads zur Ausfahrt bereit. Gut eine Stunde heizten wir durch die Gegend. Auf 35km/h traten wir unseren fahrbaren Untersatz und hatten mächtig Spaß dabei. 

Volle Kraft voraus
Richtiger Männersport bei brütend heißer Mittagssonne. In der Zwischenzeit wurde der Grill angeschmissen und massenweise Fleisch, Hühnchen und „Chorizos“ wurde darauf gebraten. Dazu wurden Salate und Getränke serviert. Zurück in der Stadt verbrachten wir die Zeit bis zur Abfahrt im Hostel.
Cordoba: Durch den „Stuart“ höchst persönlich wurden wir aus einem tiefen Schlaf gerissen. Der Bus war leer, nur noch unsere Rucksäcke standen am Bus steig. Um ins Taxi zu steigen musste man einem „Hiwi“ der das Taxi rief (welches jedoch auch ohne ihn gekommen wäre, war es ja ein Taxistand!!) und einem die Tür öffnete, erst mal ein paar Argentinische Pesos in die Hand drücken. 

Anstehen ist hier "Hobby" und "guter Ton"
Wir fuhren nach „San Vicente“ knapp 20 Minuten vom Stadtzentrum entfernt. Für mehr als eine Woche sollten wir ab heute bei Laura, Gloria und ihrem Sohn Aurelio unterkommen. Zum Frühstück gab es Kaffee und süße Stückchen. Danach machten wir uns auf gemeinsam die Stadt zu erkunden. Um in die Stadt zu gelangen gab es zwei Stadtbusse, einen normalen Bus und einen Trolli. Dieser fährt Strombetrieben und wird ausschließlich von Frauen bedient. Beide Busse kosten 2,50 Argentinische Pesos (Umrechnung 1:6). Da viele Museen hier um 14Uhr schließen blieb uns nur noch Zeit um die Tunnels und Räume unter der Erde zu besuchen. Diese wurden bei Straßenarbeiten vor rund 20 Jahren erst entdeckt wurden.
Am nächsten Tag starten wir wieder früh in die Stadt. Der Tag stand unter dem Motto „Kultur“. Von der „Iglesia Catedral“ ging es zu diversen unterschiedlichen Museen in denen man über das frühere Leben in Cordoba oder über die Kunst im Lande informiert wurde. 

"Opfer der Militärdiktatur"
Eine schmale Gasse neben der Kathedrale erinnerte an die verschwundenen der 70 und 80ger Jahre. Ihre Gesichter waren auf Bildern zu sehen welche über die Gasse gespannt waren. Es war wieder einmal ein heißer Tag und so standen wir nach unseren Besuchen dann noch ohne Schatten  in einer Schlange; warum auch nicht, ist stehen in einer Schlange doch fast eine Berufung in Argentinien, um unsere Buskarte aufzuladen.
Am nächsten Tag fuhren wir nach Alta Gracia. Ich persönlich bin zwar kein großer Freund von Ernesto Che Guevarra und kann diesen Hype um dessen Person nicht ganz nachvollziehen, aber ein Besuch in dem renovierten Museum ist ein Muss. Dass Museum wurde vor knapp 3 Jahren komplett renoviert und um etliche Räume mit Bildern und einem Film erweitert. 


Hier wird der komplette Lebensweg von „Che“ dargestellt.
Danach statteten wir dem Museum „Museo Històrico Nacional del Virrey Liniers“ und dem Wahlfahrtsort „Santuario, NTRA. SRA. de Loudres“ einen Besuch ab; in sehr „mystischer Ort“.

Etliche Meter mit kleiner Gedenktafeln für Verstorbene...
Die Abende verbrachten wir am Küchentisch mit „Yerba Mate“, eine Art Religion in Argentinien.  Am  kommenden Tag; es war Samstag,  fuhr ich mit dem Bus raus zum „Estadio Mario Alberto Kempes“, ernannt nach ihrem Stürmerstar aus den 80ziger Jahren. Hier fand auch das legendäre Spiel zwischen der Fussballmacht Österreich und Deutschland statt, welches mit 3:2 für unseren Nachbarn endete. Doch war das Stadion weitläufig abgesperrt und so verblieb mir der Gang ins Innere. Abends besuchten wir mit Laura zuerst ein kleines Konzert zweier Bands aus der Region ehe wir mit ihr und Aurelio die Discothekenszene Cordobas testeten. Getränke gab es zu fairen Preisen und egal ob Mixgetränk oder Bier, es wurde  im 1,2 Liter Plastikbecher serviert. Da es in der Discothek schließlich ziemlich „warm“ war, war ich froh als wir uns entschlossen einmal kurz raus zum Luft schnappen zu gehen. Trotz den „hervorragenden Spanisch Kenntnissen“ holten sich Philip und ich einen Auslassstempel. Nur Laura nicht, was sie veranlasste den Türsteher aufs übelste zu beschimpfen „Hijo de puta“ war wohl noch das „netteste“. So wählten wir zwei noch eine andere Discothek aus, in der es „los alemanes“ dann bis zum Sonnenaufgang nach 7Uhr aushielten.

"Iglesia Catedral" bei Nacht ;)
Es war nun Sonntag, 04.12; zuerst Kickers Spiel danach Fussball in Cordoba. So schaute unser Tagesplan aus.
Die Recherchen im Vorfeld ergaben dass es wohl nur als Mitglied möglich sei, ins Stadion zu kommen. Aber es wird ja wohl einen Schwarzmarkt geben. Im Taxi auf dem Weg zum Stadion ließ ich dann noch mein Handy liegen, „Ha bisher läuft`s ja nach Plan!“ Am Stadion dann nur eine offene Kasse, an der es nur „Socio“ also Mitgliedertickets gab. Spielanpfiff. Und endlich der erhoffte Ticketverkäufer, doch der Preis ließ erahnen dass im Inneren wohl das Endspiel einer Weltmeisterschaft stattfand und so lehnten wir dankend ab. Kein Fussball. Am Montag machte ich mich vormittags nochmals alleine auf in die Stadt und machte ein wenig Kultur. Wenn Kultur nichts oder umgerechnet nicht einmal 1,00€ kostet, kann diese auch verdammt Spaß machen!! Abends verließen wir schon wieder Cordoba und Argentinien in Richtung Montevideo/Uruguay. 

Una vez más, un agradecimiento grande a nuestros anfitriones de una semana maravillosa, una deliciosa comida. Muchas gracias por todo. Philip y Tobias

Argentinien: Mendoza und Cordoba: BILDER

Mendoza

Die Silberminenjungs bei der Arbeit

Viel Platz hat man hier wohl nicht. Zumindest nicht viel "Tiefe"

Ordnung muss sein

"Iglesia Catedral" in Cordoba

s Mopedle vom "Che"

Neue Identität für Herrn Che Guevarra


Internatcafè in Alta Gracia

"Calle13" Straße und Band

Estadio Mario Alberto Kempes
"Bekannt" für`s Spiel Österreich gegen Deutschland 3:2

So schaut man in Cordoba Fussball, leider nur "die"...


unsere Gastfamilie; muchas gracias por todo

Mittwoch, 7. Dezember 2011

Ein Hauch von Europa in Südamerika, Santiago de Chile: BERICHT


Schon auf den ersten Metern durch Chile wurde uns klar, dass wir nicht nur eine Landesgrenze passiert hatten. Nein, der Wechsel war viel größer als gedacht und sollte besonders Tage später in Santiago de Chile spürbar werden. Hatten wir uns zuvor oft nur auf holprigen Schotterpisten fortbewegt und waren gezielte Schläge auf die Wirbelsäule durch Schlaglöcher fast schon liebgewonnen worden, so erstreckte sich in Chile vor uns plötzlich ein Straßennetz, dass kaum deutscher an Qualitätsmerkmalen sein konnte.
Der kurze Hüpfer nach der Grenze nach San Pedro de Atacama war schnell absolviert. Vor Ort entlastete das Busunternehmen mich erst mal von einem Handtuch und einer Badehose. Leider zu spät gemerkt, dass diese nicht mehr am Rucksack waren als ich diesen auslud. Hostel raus gelassen, geduscht und ab das neue Land erkunden. Im ersten Restaurant trafen wir auch gleich unseren spanischen Freund Ignacio von der Salar de Uyuni-Tour wieder an und beschlossen einen gemeinsame Radtour nach der Mahlzeit anzutreten. Diese ließ zwar ein wenig an Zielstrebigkeit vermissen, denn wir wechselten häufiger Richtung und Ziel, war dafür aber umso schöner. Zwischen einer roten Felsenlandschaft quälten wir uns den ersten Streckenabschnitt hoch, um später die müden Glieder in einem nahegelegenen Bach zu kühlen. Das war vielleicht ein Anblick, wie wir in unseren Boxershorts im flachen, bräunlichen Wasser lagen und uns von den Fluten um- bzw. immer wieder flussabwärts spülen ließen. Wir setzten die Fahrt schließlich fort und hatten in einem Hund plötzlich über Kilometer einen Begleiter, der den Fahrrädern unabdingbar folgte  (außer er musste mal kurz wieder die Reifen eines vorbeifahrenden Autos attackieren). Den Sonnenuntergang sahen wir zwar nicht mehr am anvisierten Ort, aber das machte die Tour nicht weniger  schön! Der Abend endete bei gemeinsamer deutsch-spanischer Lebensphilosophie und ein paar Bieren im Stadtpark.
Bereits am kommenden Tag sagten wir San Pedro de Atacama „Adios“ und traten unsere 24stündige Fahrt nach Santiago de Chile an.  Diese wurde bereits kurz nach der Abfahrt jäh unterbrochen, als die Polizei den Bus zur Kontrolle raus winkte. Mit finsterer Miene durchschritt die Ordnungsmacht den Bus, nahm Personalien einzelner auf und wies auf die Anschnallpflicht hin! Das das doch noch mal jemandem, außer mir,  in Südamerika wichtig sein sollte…
Am Busbahnhof angekommen, machten wir uns gleich auf zu Carolina, welche dieser Tage unsere Gastgeberin sein würde. 

Das mehrstöckige Wohnhaus hatte so gar nichts mit den Lehmziegelhütten und anderen Unterkünften zu tun, in denen wir zuletzt unter anderem genächtigt hatten. Am Eingang wurde der Einlass per Scanner und Fingerabdruck gewährt, ehe uns der Portier an der Rezeption per Aufzug in das richtige Stockwerk schickte.  Um unsere Bestände wieder etwas aufzufrischen machten wir uns bald auch auf den Weg zum gemeinsamen Einkauf. Auf dem Weg zum Supermarkt wurde uns auch klar: „Der schnellste Weg Südamerika zu verlassen ist nach Santiago de Chile zu reisen.“ Der Supermarkt hatte Dimensionen, welche auch in Deutschland ihres Gleichen suchen würden.  Das Sortiment war erschlagend riesig und besonders die Möglichkeiten des Verzehrs wurden uns erst nach und nach klar. Wenn man zuvor nur noch 10qm-Läden mit Grundbedarf gesehen hatte, konnte man von diesen Dimensionen fast nur erschlagen werden. Nach einem kleinen Irrlauf hatten wir alles eingekauft, das vermeintlich deutsche Bier „Kunstmann“ gekonnt verschmäht und uns die Hände ordnungsgemäß an der Kasse desinfiziert. Dies alles wirkte auf uns zu diesem Zeitpunkt ebenso abstrus, wie die neue Währung die einen Umrechnungswert von 1:700 zum Euro hat, wodurch wir vermeintlich Unsummen mit uns trugen und ausgaben.  Die Entdeckungstour des ersten Tages endete auf dem Hausberg, quasi vor der Türe. Nach einer gemütlichen Gondelfahrt, wohnten wir einem Konzert unter der über der Stadt thronenden Jungfrau bei und genossen die warme, untergehende, Abendsonne.
Am zweiten Tag stand der Besuch des örtlichen Friedhofs an. Dieser hatte neben vielen, hier beerdigten, berühmten Persönlichkeiten, doch viel skurriles zu beten: Das große Gelände hatte viele verschiedene Bereiche. Einige waren sogar mit dem Auto zugänglich, so dass man quasi bis direkt vor das gewünschte Grab fahren konnte. Da Sonntag war herrschte auch reger Verkehr zwischen den Ruhestätten. Der schönste Platz waren die ganzen Mausoleen, welche zum Teil bis zu 200 Jahre alt waren und in verschiedenen architektonischen Formen und Größen gebaut wurden. Gewöhnungsbedürftig wirkten auf uns die Kindergräber. Dieser Bereich glich fast schon einer Festwiese. Auf sämtlichen Gräber waren viele bunte Windräder und ganze Spiellandschaften angelegt. Entweder hatten die Familien Dächer drüber gebaut oder große Pavillons schützten gleich mehrere Gräber. Unter den Abdeckungen saßen ganze Familie zusammen, aßen und unterhielten sich. Auch eine Art, die betrauerten Toten in das soziale Familienleben mit einzubeziehen.
Auf dem Rückweg fielen und bereits Busse mit singenden und Fahnenschwenkenden Menschen auf. Das vermeintliche Universitäts-Duell der Stadt zwischen Universidad de Chile und Unversidad Catolica sollte unserem Kenntnisstand nach allerdings bereits am Vortag gewesen sein. Nach kleiner Internetrecherche wurden wir eines Besseren belehrt. Da wir nur noch 2 Stunden bis Kick-off hatten, schnappten wir uns ein Taxi, um zum Nationalstadion zu kommen. Dort hatten die Anhänger von Universidad de Chile, dem unangefochtenen Tabellenführer, bereits die öffentlichen Plätze vor dem Rund alle in Beschlag genommen und feierten sich selbst schon weit vor Spielbeginn. Zu unserem Ärgernis schickt einen der unwissende Chilenische Polizist lieber in irgendeine Laufrichtung, statt einzugestehen, dass er die Frage nicht beantworten kann. So hatten wir auch nach eineinhalb Stunden laufen ums Stadionrund noch keine Kassenhäuser ausgemacht und auch einen Schwarzmarkt suchten wir vergeblich. Als wir schon resignierten und das Spiel gerade angepfiffen war, tauchte doch plötzlich ein Schwarzmarkthändler auf. Chance erkannt und gleich zugeschlagen. Der Moment der Kartenübergabe raubte uns allerdings einige Nerven: Während die Verkäuferin nicht mir und ich ihr nicht vertraute, wechselten Scheine und Karten in zwei gleichzeitig durchgeführten Schnappgriffen jeweils den Besitzer, während andere, aufmerksam gewordene einheimische Kartensucher, uns zahlreich bedrängten und mit „Gringo, Gringo“-Sprüchen dumm anmachten. Im Schnellschritt ging es dann ins gut gefüllte Stadion.


Etwa 40.000 Zuschauer verfolgten das Traditionsduell. 35.000 davon dürften das Heimteam von „La U“ unterstützt haben und ein Großteil derer sang und sprang fast die gesamten 90 Minuten durch. Das Spiel endete unspektakulär 0:0, aber der äußere Rahmen wusste doch sehr zu gefallen!
Die kommenden Tage führten uns unsere Gastgeberin Carolina und unsere deutsche Freundin Simone auch immer wieder herum. So dass wir große Teile der Stadt zu sehen bekamen. Santiago ist eine durchaus lebenswürdige Stadt. Auch diese hat  ihre ganz eigenen Besonderheiten. Die U-Bahnen beispielsweise fahren auf Gummireifen in festen Spuren und nicht etwa auf Schienen. Die meisten öffentlichen Räumlichkeiten (wie auch U-Bahnschächte) haben große Ventilatorenanlagen, welche zum Teil wasserhaltige Kühlung verpassen. Die Chilenen wirken auch augenscheinlich eher wie Europäer. Indige Menschen kann man an einer Hand abzählen. Umso schneller sind die Einheimischen jedoch dabei dich als „Gringo“ zu beschimpfen. Nicht nur einmal spürten wir eher eine abwertende Haltung gegen Ausländer. Hier nahm für uns der Nationalstolz der Chilenen manchmal ein wenig unangenehme Formen an. Und wie schon erwähnt gibt es auch  große Unterschiede zu den vorangegangenen Ländern. So haben viele Schuhputzer zum Teil Sponsorenversehene Stühle, es gibt wieder die Auswahl zwischen Wasser „con“ oder „sin“ Gas und der Anteil rauchender Passanten ist ebenso beachtlich hoch, wie der von Menschen mit Tätowierungen. Straßenverkaufsstände in der vorangegangenen Anzahl sucht man dagegen allerdings fast vergeblich. Lediglich einige Ramsch- und Obststände (die ich die Tage um über 3kg Kirschen (im November!!) erleichtert habe) traf man auf den Gehwegen an. Auch der Straßenverkehr ist ruhiger und überschaubar. Der öffentliche Nahverkehr ist fest in staatlicher Hand. Es gibt keine alternativen, vollgestopften Privattransporter, deren Anwerber schreiend die Straßen beherrschen. Die Autoliebe nimmt auch fast schon deutsche Ausmaße an. Auf Santiagos Straßen fahren fast nur Neuwagen und eine auffallend große Anzahl von teuren Geländewagen. Die Jugend sieht man am ehesten engumschlungen und knutschend auf Parkbänken oder öffentlichen Plätzen. Auf Partys begrüßt man sich gerne mit „Concha tu madre“ (Fick deine Mutter) und wenn diese zu laut wird, kann das auch schon mal Kosten in Höhe von ca. 200€ (wie live erlebt) Verwarnungsgeld nach sich ziehen! Einem Erdbeben der Stärke 5,6 wohnten wir nachts ebenfalls bei. Doch die Erschütterung konnte unserem wohltuenden Schlaf nichts anhaben… 

Im 19. Stock...
Von Simones Wohnhaus aus konnten wir auf dem  19.Stock nicht nur den dortigen Swimmingpool bewundern, sondern auch den viel zitierten Smog, der stets über Santiago hängt.
Leider platzte unser zweiter Stadionbesuch beim Traditionsclub „Colo Colo“, da der Verband wegen Ausschreitungen in vorangegangenen Spielen das Stadion für Zuschauer gesperrt hatte.
Den letzten Abend verbrachten wir auf dem 15.Geburtstag von Carolinas Schwester. Doch während die Minderjährigen tanzten, rauchten und tranken, spielten wir lieber mit ihrer Familie „Rayuela“. Ein Spiel, ähnlich Bocchia, bei dem man allerdings nicht Kugeln, sondern zylinderförmige Gewichte (2,5kg) in ein 14m entferntes Feld, möglichst mittig, werfen muss, um die gewinnbringenden Punkte zu ergattern.
Am kommenden Tag hieß es dann schon wieder „Adios Chile“. Die Anden sollten uns bis Mendoza/ Argentinien noch einen letzten Abschnitt begleiten, ehe wir auch diese danach nach 3 Monaten verließen.

Zum Abschied wurde noch gekocht