Freitag, 07.10., die Pforten der 7-Millionen-Metropole Lima öffneten ihre Pforten für uns. Der großen Schar wartender und schreiender Taxifahrer konnte man nicht entgehen. Warum auch, wenn das Taxifahren auf diesem Kontinent bislang so billig ist?! Statt der gewünschten Zielunterkunft, hatte unser Kutscher gleich wieder ungefragt eine bessere Alternative parat, deren Vorzüge er uns auch gerne kundtat. Das „Casa del Mochilero“ war aber wirklich ein Glücktreffer der besonderen Art. Nicht nur spottbillig, sondern auch daher besonders, da es eher eine große Familienwohnung in einem dreistöckigen Wohnhaus ist, die eigentlich 15 Personen in diversen Zimmern in Stockbetten beherbergt. Eigentlich daher, da neben Dauerbewohnern auch sonstige Schlafwillige die Nächte auf den Wohnzimmersofas oder dem Boden des Esszimmers verbrachten, so dass hier auf knapp 100 Quadratmeter locker 20- 25 Personen die Nacht verbrachten. Buntes Treiben herrschte demnach auch den Tag über in den einzelnen Räumen und der kleinen Küche. Die Besitzerin, Mitarbeiterin Tula und der Dauergast aus Südafrika waren ständig am Kaffee kochen, beraten oder plaudern. Die bunte Zusammensetzung aus der ganzen Welt tat ihr übriges zur persönlichen Unterhaltung. Das Haus befand sich im Viertel „Miraflores“ nicht weit vom Pazifik entfernt; in dem sich etliche Surfer, trotz schlechtem Wetter am Wellenreiten versuchten.
Freitagabend stand das Qualifikationsländerspiel Peru gegen Paraguay im „Estadio Nacional“ zu Lima an. Wir hatten uns bereits früh auf den Weg gemacht und ergatterten auf dem Schwarzmarkt zwei Kurven-Karten. In, mir nur aus britischen Ländern bekannter Disziplin standen die Fans ab drei Stunden vor dem Spiel etwa 2km in einer Schlange zum Eingang des Stadions.
Neben uns hatten auch ein paar Einheimische eher die Chance im Blick einen unaufmerksamen Moment der Sicherheitskräfte auszunutzen um ohne großes Anstehen in den Stadionbereich zu kommen. Dies war leichter gesagt als getan und endete für manche mit Zurückweisungen oder Blessuren durch Sicherheitskräfte oder wütende Wartende aus der Schlange. Nachdem Tobi seinen Dornröschenschlaf beendet hatte, waren wir beide mit etwas zeitlichem Abstand über die Schwelle der ersten Kontrolle hinweg. Auch bei der Umgehung der Abgabepflicht der Hosengürtel (!) am Eingang sollten sowohl der „dumme, nichts verstehende Tourist“ als auch die Verstecke der alten Pyro-Schule Stuttgart erfolgreich sein, so dass wir zu den wenigen Gürtelträgern im Stadion gehörten. Dem Sicherheitswahn (Metalldetektoren, Gürtelabgabe, vermummte Einsatzkräfte im Dachgebälk, Polizei-Hundertschaft mit Kampfhunden auf der Tartanbahn, Hubschrauber, etc.), stand zum Anderen eine vollkommen chaotische Vorgehensweise der Sicherheitskräfte entgegen. So wurde die Gürtelabnahme ab einer Stunde vor Spielbeginn plötzlich beendet und die nachfolgenden Zuschauer geradezu im Laufschritt ins Stadion getrieben. Auch Innen baute man nach Belieben Sperren auf, um sie kurz darauf wieder abzubauen. Die Einheimischen schien das in ihrer Feierlaune nicht zu bremsen.
http://youtu.be/lQ0sGyC5pbM
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In Anbetracht des 3. Platzes bei der diesjährigen “Copa America“ (Pendant beispielsweise zur Europameisterschaft) waren die Erwartungen an die eigene Mannschaft, gegen den Copa-Finalisten aus Paraguay, entsprechend hoch! Vor Anpfiff noch einmal völlig chaotische Zustände auf den Rängen als eine Gruppe auf den Stufen verpackte Bündel in die Menge warf, nach denen sich alle nach Leibeskräften hechteten. Dem Eifer der Zuschauer zur Folge mussten es fast schon Geldbündel sein die da flogen. Umso größer unsere Verwunderung als wir nach erfolgreichem Fang eines der begehrten Bündel nur Papierschnipsel zum Schmeißen in der Hand hielten… Mit Einlauf der Mannschaften hatte die Stimmung ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht. Das Spiel an sich war eher auf niederem Niveau. Bestimmende Akteure auf dem Platz waren die drei peruanischen Bundesliga-Legionäre Farfan (Schalke 04), Pizarro (Bremen) und Guerrero (Hamburg). Der Großteil der Angriffsbemühungen der Gastgeber erfolgte dann auch nach dem Prinzip: Ball rechts raus auf Farfan, welcher 2-4 Spieler austanzte, weiter zu Guerrero und finaler Pass auf Pizarro, der sich mit allen Mitteln in den heranfliegenden Ball warf. Allerdings bedurfte es eine Vielzahl ausgelassener Möglichkeiten Perus, ehe Guerrero die Paraguayos (mit Ex-Bundesligaspieler Roque Santa Cruz) verdient in die Knie zwang. Der Copa-Finalist war ohnehin derart schwach, dass er ohne Abschläge des Torhüters mit spielerischen Mitteln kaum die Mittellinie erreichte. Der Heimmob war ordentlich in Ekstase nach dem Guerrero-Doppelpack und feierte den Helden des Abends gebührend. Nach Verlassen des Stadions sah man auch manchen Stadionbesucher mit mehr als nur einem Gürtel nach Hause laufen.
Die Highlights der Hauptstadt (diverse Plätze, Wachtwechsel am Palast, Museen, antike Pyramide, Kirchen, etc.) waren an den zwei Folgetagen abgewandert. Ansonsten bot sich das uns gewohnte südamerikanische (Groß-)Stadtbild: Ein undurchsichtiges, chaotisches Bus-System (Kostenpunkt 0.30€/Strecke) bestehend aus Gefährten aller Größen und Verfallsgraden, aus denen die Anwerber die Fahrziele bei Fahrt aus den Türen hinausbrüllten. Sowie abwechselnd schöne und abschreckende Ecken, Straßenverkäufer aller Art und ein Zusammenspiel von Autos, Bussen, Taxen, Zweiradfahrern, Kutschen, streunenden Hunden und Fußgängern, dass sich zwar an den Vorgaben von Verkehrsregeln und Ampeln orientiert, aber höchst eigenwillig interpretiert und das auch lautstark (meist per Hupe) kundtut, wenn es anders passiert als subjektiv gewünscht! Erwähnenswert sind demnach nur noch der Besuch im Fußballrestaurant „El Estadio Futbol Clubl“, dass neben leckerem Essen auch ein fußballverrücktes Ambiente zu bieten hatte.
Und die Vorgehensweise des Sicherheitspersonals am „Plaza de Armas“. Während die schwer bewaffneten Ordnungshüter des Ministerien-Palastes alles zurückwiesen, was dem Zaun auch nur nahe kam, bekam man im gegenüberliegenden Park bei Regelverletzungen im wahrsten Sinne des Wortes einen „Anpfiff“ durch die Wächter -welche jedes Vergehen (Rasen betreten, etc.) mit Pfiffen in ihre Trillerpfiffen und Hinweisen quittierten. In Anbetracht des bunten Treibens auf dem Platz und 5-6 Wächtern war die Geräuschkulisse der Schönheit des Platzes nicht besonders entsprechend.
| "Plaza de Armas" |
| "Erzbischöflicher Palast" |
Am Montagmorgen verließen wir Lima wieder in Richtung Pisco.