"Die beste Bildung findet ein gescheiter Mensch auf Reisen"

Johann Wolfgang von Goethe

Dienstag, 11. Oktober 2011

Von Chachapoya bis Cajamarca: Bericht


Sonntag, 02.09., 6h in der Frühe. Die Hähne in der Nachbarschaft krähten bereits um die Wette. Dank des genauen ecuadorianischen Reiseverständnisses saßen wir zu viert vor der "Hosteria Izhcayluma" und warteten auf unseren Bus nach Zumba welcher „wahrscheinlich zwischen 6- 6.30h“ kommen sollte. Die Voraussage traf auch ein (6.20h), doch der Bus war bereits zu diesem Zeitpunkt vollkommen überfüllt. Da Stehen im vorderen Bereich nicht erwünscht war, durften wir auf der Seitenablage des Fahrers Platz nehmen. Notdürftig klammerten wir uns in dessen Sitzfalten, um nicht an der nächsten Kurve an der Vorderscheibe zu kleben. Die Frontalsicht offenbarte in aller Deutlichkeit mal wieder die gefährliche Fahrweise der Busführer. Nachdem ein Großteil der Insassen den Bus an einem Markt verlassen hatte, bekamen wir endlich Sitzplätze. Der Komfort stieg damit, aber nicht das subjektive Sicherheitsgefühl.  In Mitten einer Staubwüste plötzlich ein moderner Busbahnhof. Wir hatten Zumba schadlos erreicht. Nahe des Dschungels wurden auch gleich die Insekten die herumschwirrten gleich wieder handgroß und wirkten auf manchen touristischen Besucher sichtbar bedrohlich. Zum Schnäppchenpreis setzen wir unsere Reise mit Nina und Klaus –welche uns seit Quito quasi stalkten- fort. Kurz vor dem Grenzübergang „La Balsa“ plötzlich eine geschlossene Schranke. Finster dreinschauende Soldaten mit Maschinengewehren baten zur Personalienkontrolle. Die Aushändigung unserer Dokumente beantwortete allerdings nicht alle Fragen, so z.B. unsere Nationalität. Ohne die vermeintliche Waffenbedrohung wäre einem sicher ein Grinsen übers Gesicht gehuscht, als einer der Soldaten zum dritten Mal aus der Hütte kam und eine Nachfrage hatte. So aber war keinem zu Lachen zu Mute. Nach kurzer Prüfung wurde uns die Weiterfahrt zur Grenze gewährt. Dort angekommen, staunte unser Fahrer nicht schlecht, wie wir die geforderten 20$ durch mühsames Zusammenkratzen unserer Kleingeldbestände aus sämtlichen Taschen und Fächern bewerkstelligten. Der Grenzübergang bestand aus einem Restaurant, einem Laden und einiger anderer Hütten. Eine davon sollte die Stelle für Formalitäten sein. Den diensthabenden Beamten mussten wir allerdings erst mal aus dem Schlafgemach nebenan klopfen, ehe er uns im Unterhemd die nötigen Ausreisestempel in die Reisepässe drückte. Per Fußmarsch ging es über den Brückenweg zur peruanischen Grenze. Ein wenig zögerlich krochen wir unter den Blicken der Grenzwächter unter herabgelassenen Schranke durch. 

Grenzübergang "La Balsa" zwischen Ecuador und Peru
Doch diese prosteten uns erst mal fröhlich mit Bier zu und boten Tobi einen Willkommensschluck an! Einreisestempel besorgt und übrige Dollar in Soles gewechselt, ging es –da wir nicht auf den Bus zwei Stunden warten wollten- per Mototaxi weiter in die nächste Ortschaft. Dort hat die ansässige Wohngemeinschaft das Taxiwesen fest im Griff. Unser Fahrer nutzte die Möglichkeit der Tour nach St.Ignaziu gleich um seine „Familie“ einzuladen. Ein Ausweichen war nicht möglich, da die eingespielte Sippe mit fadenscheinigen Ausreden ein Umsteigen verhinderte. Mit sieben Leuten (er hatte acht versucht…) im Fünfsitzer (seine erwachsene Tochter zwischen den Vordersitzen und wir zu viert hinten) quälten wir uns weiter. Als bereits sämtliche Körperteile ob der Enge zu Schmerzen begannen, waren wir endlich angekommen. Inzwischen hatten wir auf die unerwünschte Aufstockung unsere eigene Antwort parat, so dass wir den aufgerufenen Preis durch 6 statt durch 4 Personen anteilig aufteilten und dem wütenden Fahrer genau diesen Betrag ausbezahlten. Eine weitere Taxifahrt sollte uns dann am frühen Abend nach Jaen, das Ende unserer Tagestour, bringen. Der Ort ist laut, stickig und sehr chaotisch. Wer nicht aufpasst läuft Gefahr unter die Räder eines der zahllosen Mototaxis hier zu kommen! Unser anvisiertes Hostel war leider schon ausgebucht (Wer bleibt in dieser Ortschaft bitte freiwillig?), so dass wir auf die Bleibe gegenüber auswichen. Das „Wilson“ war für umgerechnet 2,50€/ Nacht spottbillig und sauber. Doch der Fehler lag verdeckt im Detail: Wir hatten zwar ein vermeintlich ruhiges Hinterzimmer ergattert, doch neben einer ungenügenden Anzahl von Handtüchern (pro Zimmer eines!), fehlte es im Hostel auch an Scheiben über den Türen zum Flur. Da auch die Hauswand nur spärlich mit Scheiben besetzt war, drang neben den hausinternen Geräuschen der Verkehrslärm bis 1h nachts und ab 5h morgen ein. Gerädert setzten wir unsere Reise am Morgen fort. Im Minibus (Wir fragten extra vorab, ob nur die angegeben Höchstpersonenanzahl transportiert wird!)  ging es weiter gen unserem Ziel Chachapoyas. Ein abgerutschter Berghang machte uns allerdings einen Strich durch die Rechnung, so dass wir eine unerwünschte Pause einlegen mussten. Ich für meinen Teil hielt es während der Wartezeit ob der Gerüche der Mitfahrer nicht mehr im Bus aus. Bislang hatte der „Tigerbalm“ unter der Nase Abhilfe geleistet, doch mit zunehmender Hitze reichte auch das nicht mehr. Gut organisiert waren hier allerdings nicht nur der peruanische Räumungsdienst, sondern auch die Verkäufer, welche wie aus dem Nichts auftauchten und den Wartenden Getränke, Eis und Essen anboten. Nach ca. eineinhalb Stunden konnten wir die Fahrt schließlich fortführen. In Peru waren im Übrigen dieses Jahr Präsidentschaftswahlen. Aber warum Plakate aufhängen, wenn man doch die ganze Hauswand für seinen Favoriten streichen kann! So durchquerten wir ganze Ortschafften voller angestrichener Häuserwände –unglaublich!
Endlich am Ziel angekommen, bezogen wir Quartier in einem schicken alten Kolonialhaus in dem wir zu viert ein Zimmer fanden. Am kommenden Tag besuchten wir die eindrucksvollen Kuèlap-Ruinen. 



Die Festung wurde in den Jahren 800 und 1300 n. Chr. gebaut und konnte bis zu 2000 Menschen beherbergen. Im Jahre 1843 wurde sie nahe dem heutigen Chachapoyas wiederentdeckt.  Ruinen sind nicht nur ein historisches Denkmal, sondern auch Wohnort einiger Lamas. Allerdings wähnte man die Gefahr eines Lama-Angriffes bald größer, als in einen der unzähligen Lama-Haufen zu treten. Der Hund, welcher unsere Besichtigungsgruppe begleitete hatte die Tiere so verrückt gemacht, dass sie uns, anstatt wir sie durch die Ruinen trieben… Beide Abende ließen wir im gemütlichen „Chacha“ bei leckerem Essen, Bier oder Pisco Sour ausklingen.
Fast schon aus Gewohnheit zogen wir am kommenden Morgen wieder zu zweit (Herzliche Grüsse an dieser Stelle an unsere netten Begleiter Nina & Klaus!!) um kurz vor 6h weiter. Nächster Halt: Cajamarca. Mein Lachen über die ausgerufenen 8 Stunden sollte mir bald vergehen. Google-Maps hatte eine Entfernung von etwa 120km Luftlinie ausgespuckt. An Fahrtstrecke legten wir allerdings knapp 450km in 12 Stunden zurück. Nachdem wir gefühlte 250 Berge (Hat denen noch keiner was von Tunneln erzählt?!) auf-, ab und umfahren hatten, dreimal fast mit entgegenkommenden Fahrzeugen auf der engen, unübersichtlichen Strecke (ohne Seitenbeschrankungen an den Abhängen) kollidiert waren, in Dörfern Pause gemacht hatten die noch staubiger, noch verarmter und noch verlassener waren, dafür auch noch billiger (0.25€/Sanduche!!) als jene welche wir zuvor gesehen hatten, erreichten wir endlich Cajamarca. Dank einer Freundin durften wir uns auf ein Quartier bei ihrem Cousin Carlos freuen. Dessen Haus war auch bald gefunden, doch statt Carlos fanden wir erst niemanden und dann nur seine Schwester vor. Diese nahm sich nur zögerlich unserem Anliegen an und gab schließlich aus, dass sie Carlos trotz mehrerer Versuche nicht telefonisch erreicht hatte. Laut seiner Frau befand er sich auf einem  Geschäftstermin über Nacht und außerhalb der Stadt. Gloria war glücklicherweise so gut uns mit Essen zu versorgen und ein Zimmer im naheliegenden, günstigen Hotel zu besorgen.
Wir waren am Folgetag gerade von der Buchung der abendlichen Weiterfahrt zurück und wollten von der Unterkunft  in die Stadt zur Erkundung aufbrechen, erweckte plötzlich ein suchender Mann unsere Aufmerksamkeit. Carlos (46) samt seiner 82-jährigen Mutter hatte uns aufgestöbert und war untröstlich ob des vorangegangenen Abends und unserer nahenden Abreise. Kurzerhand steckte er uns in seinem klapprigen Geländewagen. 

Cajamarca - Banos de Inca
Dass ich mich auch nach wiederholten nichtangeschnallten Fahrten, nicht an nichtvorhandene oder in diesem Fall nichtfunktionierende Gurte gewöhne, sorgte ich wiederholt für Gelächter im Wagen, wenn mein Hand erfolglos zum „gewohnten“ Sicherheitsutensil griff… Carlos samt Mutter –welche uns mit Freude unterhielt, die wir aber überhaupt nicht verstanden- und später sein Bruder führten uns den ganzen Tag durch die Straßen, Museen und Kirchen der Stadt und luden uns weiter zum Meerschweinchenessen in ein Restaurant(gekocht) ein. Der Abschied am Abend –besonders von Oma- fiel dann auch sehr herzlich aus, ehe wir unsere „reichen“ Europäer-Hintern in die Sitze der 1.Klasse (!) des Reisebusses von „Cruz del Sur“ drückten. Für 14 herrlich bequeme Stunden, samt Abendessen, Frühstück und Internetzugang, durften wir diese Plätze (bis in fast horizontale Lage) für umgerechnet etwa 30€  genießen. So macht Reisen mal wirklich Spaß! Ein wenig gewöhnungsbedürftig war  allenfalls der hohe Sicherheitsstandard des Busunternehmens, der ähnlich einem Flughafen, auf Leibesvisitation bis hin zur bildlich festgehaltenen Reisebesatzung, setzt.